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Zum theologischen Hintergrund

„Bemüht euch um das Wohl der Stadt“ (Jer 29,7)

Der Prophet Jeremia hat im Namen Jahwes in einem Brief die Verbannten in Babylon aufgefordert: „Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn an ihrem Wohl liegt euer Wohl.“ Als Fremde sind die Israeliten aufgefordert, sich für die Stadt zu engagieren. Das ist alles andere als eine Randfrage: Es geht um die Freiheit des Menschen, es geht um die Humanisierung seiner Lebenswelt, einer Welt, die ihm zunehmend „fremd“ geworden ist.

„Der Mensch und seine Umwelt sind untrennbar.“ (A. Mitscherlich) Von dieser Einsicht muss jedes soziale Engagement ausgehen. Gleichwohl hat diese fundamentale Verwiesenheit des Menschen in der modernen Gesellschaft eine besondere Form angenommen. Sie ist durch einen Widerspruch gekennzeichnet: Die überall zu Recht behauptete Selbstzwecklichkeit und Freiheit des Menschen scheint insbesondere in der wirtschaftlichen, politischen, technischen Welt keine zu sein. Diese Welt tritt ihm als anonyme gegenüber und lässt ihn hilflos zurück. Besonders bedrückend wird diese Hilflosigkeit für die Benachteiligten, die Menschen am Rande, die auch der Konsum nicht mehr zu vertrösten vermag.

Wenn demgegenüber christlich-ethische Maximen den Menschen als Wurzelgrund, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen ansehen und daran erinnern, dass die Welt nie gegeben, sondern stets im Bau befindlich ist, erscheinen sie als naiv und weltfremd. Aber in den letzten Jahren sind es vor allem die „sozialen Bewegungen“, die die Hoffnung nähren, dass sich Möglichkeiten freier Selbstgestaltung und Verantwortungsübernahme auftun. Stichworte sind zivilgesellschaftliches oder bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfeorganisation, Netzwerk, Regionalisierung. Immer geht es um die Gestaltung von Sozialformen, die überschaubar sind, gemeinschaftsorientiert, lebensweltbezogen. Erst solche Strukturen eröffnen konkrete, individuelle Beteiligung und geben den Menschen am Rande die Chance, aktiv mitzuwirken, sich (wieder) selbst zu helfen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Stadt eine besondere Bedeutung zukommt. In der Stadt wird der die moderne Gesellschaft kennzeichnende Widerspruch zwischen Freiheit und Zwang, Kreativität und Anonymität, Authentizität und Fremdheit, Reichtum und Armut alltäglich erfahrbar. Diesen Widerspruch gilt es bewusst zu machen und als Herausforderung zu begreifen. Sich die fremde, anonyme Welt wie die Israeliten gestaltend anzueignen heißt, Heimat gewinnen.